News - National J.-K. Neudorfer 14.01.2002

LESERBRIEF, veröffentlicht in der Süddeutschen Zeitung vom 19. 12. 2001 – Deutschland-Teil

Ursache für den Leserbrief war ein Bericht in der SZ vom 6. 12. 2001, in dem über die im Münchner Fussball herrschende Gewalt in grosser Aufmachung berichtet wurde. Auch der in die Türkei abgeschobene Jugend-Serienstraftäter "Mehmet" spielte Fussball. Eine ‚Fachtagung‘ hinterliess nur offene Rätsel. Hier der Wortlaut des veröffentlichen Leserbriefes:

Beim Ringen Aggressionen abbauen

Sport kann Gewalt unter Jugendlichen fördern: Fair kommt zuletzt / SZ vom 6. Dezember

Marc Widmann berichtet von Fachtagungen, bei denen die Experten über Lösungen für das Gewaltproblem unter Jugendlichen gerätselt haben. Dass auch Wissenschaftler sich ratlos geben, ist schon erstaunlich, vor allem deshalb, weil es in der Praxis Modelle gibt, deren positive Ergebnisse belegt sind.

Die regelmässige Ausübung einer Sportart zu Änderungen der Persönlichkeit und des Körpers. Einige Disziplinen sind dazu geeignet, Gewalt abzubauen, andere nicht. Wissenschaftler weisen darauf hin, dass "Aggressionspotenziale nur durch spezifische Spiele wie Ringen und Raufen abgebaut werden". Das hört sich hier dramatisch an, ist es aber nicht. Besonders eignet sich der Einbau von "spielerischen Ringübungen" – um die geht es hier - in den Sportunterricht an den Grundschulen. Auch im Kindergarten sind bereits gute Ergebnisse zu erwarten.

Aussagen gibt es von den Professoren Rieder (Heidelberg) und Funke (Hamburg). Prof. Atzesberger hat schon vor gut 10 Jahren in einer Studie festgestellt, dass das Sozialverhalten jugendlicher Ringer deutlich besser einzustufen ist, als das einer Vergleichsgruppe von Nichtringern. Jugendliche Spitzenringer bewährten sich als soziale Leitbilder, war eine weitere bemerkenswerte Erkenntnis.

Diese Feststellungen haben dazu geführt, dass in Kindergärten und Schulen erprobt wurde, was die Wissenschaftler empfahlen. Einige Ergebnisse sind in Praxisberichten und Zulassungsarbeiten zusammengefasst. Sogar bei ungünstigen Verhältnissen wurden bessere Ergebnisse erzielt, als die Experten vermuteten.

Mit Hilfe von Pädagogen wurde eine Anleitung für Lehrer ausgearbeitet. Leider sind es nur wenige Bundesländer (etwa Nordrhein-Westfalen), in denen Pädagogen in der Grundschule danach vorgehen können. Überall ist die fehlende Ausbildung der Lehrkräfte ein Manko; Universitäten und Hochschulen besitzen keine Fachkenntnisse. Manchmal werden fortschrittlich eingestellte Lehrerkräfte durch den Lehrplan ausgebremst, zum Beispiel in Bayern. Da darf zwar auch gerungen werden, aber erst von der fünften Jahrgangsstufe an. Die besten Zeiten sind da fast schon vorüber.

Bemerkenswert ist, dass sich vor allem junge Frauen mit dem Thema recht erfolgreich beschäftigten. Im Deutschen Ringer-Bund wissen wir, dass Pädagogen durch deren spezifischen Kenntnisse noch bessere Erfolge in der Gewaltprävention durch Ringen erzielen als Vereinstrainer. Die hierzu notwendigen ringerischen Grundkenntnisse sind leicht zu vermitteln.

Die Erkenntnisse der Wissenschaftler und Resultate aus der Praxis wurden allen Landesregierungen zugänglich gemacht, auch der Stadt München. Vereinzelt werden die Vorschläge aufgegriffen, "spielerisches Ringen" im Schulsport anzubieten. In Hessen ist 2002 eine Demonstration vor Sportfachberatern angesetzt.

Die meisten Antworten aus den Ländern sind nicht so positiv. Auf viele eigene Massnahmen wird hingewiesen, die aber offenbar nur geringe Auswirkungen haben, wie der SZ-Artikel beweist. Der Eindruck, dass eine echte politische Verantwortung übernommen wird, ist nur drängt sich leider nur selten auf. Um wirksame Erfolge zu erzielen, ist eine Zusammenarbeit von Schulbehörden, den Lehrern und Ringer-Verband erforderlich. Auch Universitäten und Hochschulen könnten sich engagieren.

Josef-Karl Neudorfer
München

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