|
|||
Zusammenfassung
einer sportpsychologischen Untersuchung
Jugendringer,
was sind das für Jugendliche?
1. Das Vorhaben
Eigentlich sollte eine umfängliche sozialpsychologische Untersuchung über soziale Begegnungsformen und Einstellungen von 10-18jährigen Ringern anhand von Fragebogen und von Zeugnisbemerkungen stattfinden. Sehr unglückliche persönliche Umstände ermöglichten nur noch eine Teilauswertung (1), die jedoch angesichts des Mangels empirischer Untersuchungen eine Veröffentlichung wegen möglicher allgemeiner Verhältnisse verdient.
Die hier beschriebene und analysierte Gruppe (neunzehn 10-18j"hrige) im Durchschnittsalter von 16 Jahren setzt sich aus Haupt- und Berufsschülern (53 %), Realschülern (21 %) und Gymnasiasten (26 %) zusammen, die im Durchschnitt neun Jahre bei Vereinen ringen.
2. Soziale Einstellungen der Gruppe
Zunächst seien die Befragungsergebnisse zu Begegnungs- und Belastungsfeldern gebracht, ehe Zeugnisbemerkungen mitanalysiert werden.
Die Kontakte erscheinen durchschnittlich häufig und motiviert einerseits durch gemeinsame sportliche Tätigkeit, daneben durch Freundschaften und schließlich durch erfahrene Hilfeleistungen. Es überwiegen als konkrete, gewachsene Anlässe.
Ein Kontaktrisiko gehen diese Ringer nur ein, wenn auf der Partnerseite Vernünftigkeit, Sachkenntnis und für Notsituationen Hilfsbereitschaft zu erwarten ist. Es sind dies recht realistische Einstellungen.
Die Präzision der Aussagen zu Belastungssituationen (Foul-spiel, Verletzungen) mag wegen der Überdifferenzierung der Fragestellung geringer sein.
Zur Fairneß allgemein glaubt die Mehrzahl der Ringer behaupten zu können, daß die "meisten" Kameraden "fair" spielten. Heimliches "Foul-Spiel" wird von den meisten nur "wenigen" Partnern zugetraut. Ein Ringer meint, daß "viele Kameraden heimlich foul" spielen. Hat er recht? Ist er der einzige Ehrliche bei dieser Antwort? Wir lassen das so stehen.
Daß sie einmal verletzt waren, vermerkt eine Minderheit von 28 % der Gruppe. Zu vermerken ist dabei, daß bei 16 Ringern ein Einsatzdurchschnitt von 227 Kämpfen vorliegt. Der Verletzungsfall schlägt also kaum durch.
Vereinsübergreifende Kameradschaften, ja Freundschaften, scheinen eher die Regel als die Ausnahme zu sein, eine sehr erfreuliche Erscheinung, die das Kampfklima bei allem sonstigen Einsatz abfedert und entspannt. Freund bleibt weiter Freund.
3. Einschätzung in den Klassen
Über Zeugnisbemerkungen sollte die lehrerseitige Einschätzung sichtbar gemacht werden, indirekt auch die Stellung in den Klassen.
Die Lernverhaltensbeschreibungen (Konzentration, Fleiß, Interesse) qualifizieren sich im wesentlichen im Mittelbereich ("konzentriert", "fleißig"). Qualitätshebungen (z. B. "sehr fleißig") sind häufig. Abwertungen (Abstufungen - z. B. "arbeitet nicht sorgfältig genug") auch nicht selten.
Das spezielle Sozialverhalten wird auffallenderweise besser qualifiziert: Beschreibungen wie "freundlich" häufen sich schon. Auffallend ist die Hervorhebung des "sozialen Verhaltens" wie "höflich", "hilfsbereit", "(sehr) kameradschaftlich", "allseits geschätzter Schüler", "durch seine Liebenswürdigkeit beliebt", "verantwortungsfreudig" oder "stets vorbildlich".
Daß diese Ringer in den Genuß eines Beurteilungsbonus gekommen sein könnten, ist angesichts der sehr seltenen Anerkennung besonderer sportlicher Leistungen (besonders bei Ringern) in Zeugnisbemerkungen sehr unwahrscheinlich.
Beachtenswert ist, daß nahezu die Hälfte (47 %) der Sportgruppe das Amt eines Klassen- oder Schulsprechers (z. T. mehrjährig) versah. Dieser nicht immer dankbare Einsatz für die Klassen- oder Schulgemeinschaft wurde in den Zeugnisbemerkungen entsprechend gewürdigt (z. B.. ".. hat das Amt mit großer Zuverlässigkeit ausgeübt").
Betrachtet man nun die im Umlauf befindlichen Ringer-Abwertungen als "Rabauken", so belehren uns die Lehrerbeurteilungen eines Besseren: Gerade diese jugendlichen Spitzenringer bewähren sich in der Klassen- und Schulgemeinschaft als soziale Leitbilder und darüber hinaus als Brücken zu einem von Zusammenhalt geprägten Klassengeist.
Folgerungen:
Freilich müssen solche Haltungen erst in einem langfristigen Erziehungsprozeß durch überzeugte und engagierte Lehrer, Trainer und Organisationsleiter aufgebaut werden.
Eine ehrliche Würdigung dieser großartigen jungend- und gesellschaftserzieherischen Leistungen sollte erfolgen durch Schaffung günstiger Rahmenbedingungen "vor Ort" (in Verein und Schule) und nicht zuletzt durch eine beherzte Förderung "von oben", seitens der Fachministerien wie Kultus-, Sozial- und Gesundheitsministerium.
Prof. Dr. M. ATZESBERGER
Emeritus der Universitäts-Abt. Koblenz
08. Oktober 1992, Kellberg-Thyrnau, König-Max-Promenade 1
(1) Herzlicher Dank gilt allen Mithelfern, den Ringern, Gruppenleitern, Trainern, vor allem Josef Neudorfer vom Bayerischen Ringer-Verband)