Wissenswertes - Forschungsberichte 11.11.2000

Ringen im Kindertagesheim
Auszüge aus einem Praxisbericht über ein gelungenes Pilotprojekt

Daß Ringen über die Vereinsebene hinaus an den Schulen angeboten wird, zählt in Deutschland mehr zu den Raritäten. Daß an einem Kinderhort von einer Kindergarten-Praktikantin ein Ringer-Projekt durchgezogen wird, genießt absoluten Seltenheitswert und verdient daher, daß darüber berichtet wird. Herrn Wolfgang Jaschik (Bremen) wird für die Beschaffung des Praxisberichtes herzlich gedankt.

In dem Bericht einer Kindergartenpraktiantin wird erläutert, in welches Umfeld das Kindertagesheim eingebettet ist. Die betreuten Kinder (71, davon sind 20 Kinder in der Hort-Gruppe) sind zwischen drei und sechs bzw. sechs bis zwölf Jahre alt. 17 % der Kinder waren Ausländer (Türken, Tunesier), bei weiteren 7 % war zumindest ein Elternteil ausländischer Herkunft, 4 % waren Aussiedlerkinder.

Das Einzugsgebiet wird als ‘soziokulturell benachteiltes Gebiet’ bezeichnet. Familien leben teilweise in beengten Wohnverhältnissen, aber Spielflächen sind für Kinder nutzbar. Die Arbeitslosigkeit des Einzugsgebietes wird als hoch beschrieben. Daraus leitet sich der ebenfalls als hoch eingestufte Anteil von Sozialhilfempfängern ab.

Viele der Kinder werden als ‘nicht normal entwickelt’ eingestuft, teilweise wird ‘körperliche Verwahrlosung’ festgestellt. Manche Kinder kommen mit erhöhter ‘Aggressionsbereitschaft’ in den Hort, häufig wird geprügelt. Ein großer Teil der Kinder erlebt im Elternhaus einen ‘rauhen Umgangston’.

Die Praktikantin hat sich mit den Regeln des Ringens vertraut gemacht und auch die Einführung geplant und durchgeführt. Die Hoffnung war, daß die Kinder "fairer mit dem Gegner umgehen" und "lernen, mit dem Gegner umzugehen" (S. 45). Allzu hohe Erwartungen wurden nicht gesetzt, da die Kinder Zuhause immer wieder Gewalt erleben.

Zu den Zielen gehörte, daß den Kindern - 9 Jungs aus einer 15köpfigen Gruppe - bewußt wird, "daß man seinen Gegner beim Kämpfen nicht verletzen muß." (S. 46). Die Kinder sollen u. a. auch lernen, "nicht gleich zuzuschlagen", oder "mit Sieg wie auch mit Niederlage umzugehen" (S. 46).

Die Regeln wurden bei Übungskämpfen erläutert, bei Nichtbeachtung weiter besprochen. Vorbereitende Übungen wurden auch unter Einbeziehung von Musik absolviert und einfache Griffe geübt.

Mit unterschiedlichen Maßnahmen, (malen, Puppenspiel) wurden die Kinder auf das Ringen eingestimmt. Mit einem Ringer-Verein wurde Kontakt hergestellt, die Infrastruktur des Vereines (Halle, Matte) wurden gelegentlich mitbenutzt. Manchmal wurden Trainer des Vereins mit einbezogen.

Der Aufforderungscharakter der Sportart wurde etwas unterschätzt. Die Kinder zeigten viel Interesse und waren voll bei der Sache. Sie wußten mehr über die relativ unbekannte Sportart als vermutet. Die Räumlichkeiten im Hort waren beengt, sodaß die Umsiedelung in die Halle des Vereins als Erleichterung empfunden wurde. "Das Training lief gut, die Kinder haben sich gut beteiligt" (S. 72).

Weiteres Training wurde mit der ‘Stammannschaft’ (9 Kinder) gemacht. "Zwei der Kinder sind während des Trainings ständig ausgebrochen. Diese Kinder haben auch in anderen Bereichen (z. B. Schulsport) ständig Schwierigkeit, mit gewissen Freiräumen umzugehen. .. Zwei der Kinder sind abgesprungen, nachdem sie beim neuen Trainer viel mehr tun mußten. Doch der Rest der Kinder ist von Anfang an dabei und gibt sich ersichtliche Mühe." (S. 72/73).

"Während des gesamten bisherigen Projektes kam es zu keinen nennenswerten Auseinandersetzungen. Es herrschte immer eine sehr kameradschaftliche Atmosphäre." (S. 73). Zum Abschluß des Projektes wurde ein Freundschaftskampf mit einem anderen Hort arrangiert, der keine Verbindung zu einem Verein oder Fach-Trainer vorzuweisen hatte. Eine Praktikantin hat dort Ringen vermittelt, allerdings hatten diese Kinder wenig Erfahrung im Ringen.

Vor der Veranstaltung werden alle der im Ringen üblichen Prozeduren unterzogen. Die Fingernägel werden kontrolliert, auch das Gewicht wird festgestellt. Beim Wettkampf gelten hinsichtlich der Bewertung von Aktionen stark vereinfachte Regeln. Nach dem Kampf gibt es selbsterstellte Urkunden für die Teilnehmer und Mannschaften.

Der Freundschaftskampf war ein Höhepunkt. "Es war eine Stimmung in der Halle wie in der Bundesliga. Die Kinder haben ihren Mannschaften die Daumen gedrückt und sie lautstark angefeuert. Die Kämpfe sind sehr fair verlaufen, keiner hat getreten, gehauen, gekniffen oder gebissen. Die Kinder, die verloren hatten, konnten sehr gut damit umgehen. Keiner war beleidigt oder traurig. Die Mannschaften sind auch untereinander fair miteinander umgegangen. Sie haben sich unterhalten und und dem Gegner zugestanden, daß der andere ein starker Gegner war, auch wenn er verloren hat. Die Kinder aus der Mühlheimer Straße waren von Statur her unseren Kindern unterlegen. Trotzdem sind unsere Kinder fair mit ihnen umgegangen. Mit kleineren Gegnern sind sie direkt vorsichtig umgegangen, als wären sie aus Porzellan. Wenn sie sich einmal draufgeworfen hätten, hätten sie den Kampf schnell gewonnen, aber das haben sie nicht getan. Keines der Kinder wurde verletzt." (S. 74).

In der Bewertung wurde festgestellt: "Das Thema hat sich für diese Gruppe als geeignet erwiesen. Das Thema selbst hatte für die Kinder einen großen Aufforderungscharakter, weil die Kinder die Möglichkeit bekommen, ihre Kämpfe auszutragen, ohne Sanktionen zu erwarten. Aktuell ist das Thema für Kinder dieser Altersstufe eigentlich immer, weil gerade in diesem Alter sehr viele Machtkämpfe auftreten." (S. 71).

Quelle: Praxisbericht von Nicole Schuncke (1989).

München, 12. 2.2000

Josef-Karl Neudorfer

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