| Wissenswertes - Ideen & Ratgeber | 19.03.2001 | |
DRB-Vorschlag an die Bundesländer: Einführung von Ringen im Schulsport als Mittel zum Aggressionsabbau
Bundesländer reagierten meist zurückhaltend positiv - Ringen zunehmend in den Schulsportlehrplänen
Noch vor den olympischen Spielen in Sydney wurde den Ministerpräsidenten der Bundesländer und Bürgermeister der Stadtstaaten vorgeschlagen, Ringen als Mittel der Gewaltprävention im Schulsportunterricht anzubieten. Die Schreiben an die Länderchefs wurden durch eine Sammlung von Zitaten ergänzt, in denen Wissenschaftler über die Auswirkungen des Ringens urteilen.
Die Resonanz auf das Schreiben war unterschiedlich. Aus Baden-Württemberg und dem Saarland liegt bisher nur die Nachricht vor, daß die Post an die zuständigen Stellen weitergeleitet wurde. Vom Ministerium aus Stuttgart war von einem früheren Treffen bekannt, daß Ringen im Prinzip unterstützt wird. So finden auf lokaler Ebene Schulwettkämpfe statt und Ausbildungen für Sportstudenten können auch stattfinden.
Erfahrung aus mehrmaligen Lehrerausbildungen besitzt das Saarland durch die Aktivitäten von Paul Schneider. Auch andere Maßnahmen wie z. B. Ringen im Kindergarten sind dort schon angelaufen. Noch keine Antwort gab es bisher aus Bayern und Bremen, wobei mit dem Schulsenator des Stadtstaates Willi Lemke der Vorschlag im Vorfeld persönlich besprochen wurde.
Berichten zufolge gibt es in Bremen Freiraum für die Zusammenarbeit mit Schulen. In Bayern werden seit Jahren regelmäßig Schulsportwettbewerbe abgehalten und von staatlicher Stelle werden wieder Lehrerausbildungsmaßnahmen ausgeschrieben, die nächste soll im November 2001 in Bayreuth stattfinden. Zudem steht eine Demonstrationsveranstaltung für Schulpolitiker an. Ziel dieser Maßnahme ist ist, die bisherigen Aktivitäten auszuweiten.
Berlin bekundete, für Angebote der Ringer-Vereine (Kooperationen) offen zu sein, stellt gleichzeitig den Mangel an Lehrkräften fest, die Ringen im Sportunterricht anbieten könnten. Das Klima für eine weitere Zusammenarbeit des Landesverbandes mit den Schulbehörden scheint günstig zu sein.
Hamburg teilte mit, daß "Ringen und Raufen" seit einigen Jahren Bestandteil der Lehrerfortbildung ist und "von den Kolleginnen und Kollegen gut angenommen wird". Berichte aus Fachzeitschriften würden beweisen, daß Ringerstunden abgehalten werden. Das DRB-Schreiben wird als Ermunterung betrachtet, in diese Richtung weiter zu arbeiten.
Hessens Ministerpräsident Roland Koch verweist auf diverse Landesprogramme (z. B. "Meditation und Schulprogramm" oder "Gewaltprävention nach Olweus"). Die Verantwortung in Hessen liege jedoch bei den Schulen 'vor Ort'. Auf die Möglichkeiten von Vereinen, Kooperationen mit den Schulen einzugehen, wird hingewiesen. Offen ist noch, ob Lehrerausbildungen gewünscht werden und der örtliche Verband diese abhalten würde.
Mecklenburg-Vorpommern begrüßte den DRB-Vorstoß. Zieh- und Schiebekämpfe sowie Ringen ab Sekundarstufe I sind im Rahmenplan vorgesehen. Das Land ist an Fortbildungsmaßnahmen des Ringerverbandes interessiert und ersuchte um ein Angebot. Der Ringer-Verband Mecklenburg-Vorpommern ist an dieser Stelle eingestiegen. Verbandspräsident Heinz Weinhold will dafür sorgen, daß Ausbildungsmaßnahmen durchgeführt werden.
Nordrhein-Westfalen verweist darauf, daß Ringen und Kämpfen" im Lehrplan Sport der Grundschulen enthalten ist. In der Tat wurde ein neuer Lehrplan aufgelegt, der dem Ringen eine hohe Priorität einräumt. Lehrer geniessen viel Freiraum, wenn sie Ringen anbieten wollen. Ein Problem stellt lediglich die Ausbildung der Lehrkräfte statt. Eine Lehrkraft berichtet, daß Judokas interessierte Lehrer(innen) in die Praxis und Philosophie des Ringens einweisen.
Niedersachsen bekundet, daß der Lehrplan Ringen explizit nicht vorsieht, schließt aber nicht aus, dass Schülerinnen und Schülern Ringen nahe gebracht wird. Für die Lehrerausbildung sind die Bezirksregierungen verantwortlich und diesen Stelle würden die vom DRB bereit gestellten Ausbildungsunterlagen zur Verfügung gestellt. Der Ringer-Landesverband wurde ermuntert, die Kontakte fortzusetzen.
Der Rheinland-Pfälzische Ministerpräsident Kurt Beck berichtet davon, daß innerhalb der Ministerien umstritten ist, welche Kampfsportart bei der Aktion "Sport und Spiel statt Gewalt auf dem Schulhof" zum Tragen kommen soll. An Fortbildungsmaßnahmen für Lehrer sei man interessiert. Zudem wurde vorgeschlagen, daß prominente Ringer für die Sportart werben sollten. Ein Problem ergibt sich derzeit mehr auf der örtlichen Verbandsseite. Die drei Ringer-Verbände der Pfalz bekunden personelle Engpässe und sahen sich bisher große Probleme, Lehrerausbildungsmaßnahmen durchzuführen.
Sachsen empfiehlt, daß sich der Landesverband an die örtlichen Schulträger wendet, um Kooperationen aufzubauen. Hier ist anzumerken, daß der sächsische Schulsport-Referent, Dr. Andreas Türk, bereits seit längerer Zeit in engem Kontakt mit den Schulbehörden steht und im Lande Aktivitäten, vor allem Kooperationen mit den Schulen, unterhalten werden.
Sachsen-Anhalt hat darauf verwiesen, daß die Initiative "weltoffenes Sachsen-Anhalt" eingerichtet wurde, um Gewalt abzubauen. Die DRB-Unterlagen wurde n an das Kultusministerium weitergeleitet. Weitere Maßnahmen hängen nun davon ab, ob der Landesverband mit den Kultusbehörden weiter verhandelt und welches Ergebnis bei weiteren möglichen Gesprächen erzielt wird.
Schleswig-Holstein verweist darauf, daß die Lehrpläne Themenbereiche wie Kämpfen zulassen. Thüringen führt an, daß gemeinsam mit dem Ringer-Verband Wettkämpfe durchgeführt werden. Es wird vorgeschlagen, daß die Ringer-Verbände dahingehend aktiv werden, Ringen in die Kindererziehung (Kindergarten) einzubringen. Weitergehende Regelungen im Schulsport werden nur innerhalb des Thüringer Sports geklärt.
Ein Ministerium hat darauf hingewiesen, daß 'rechtsextreme Gewalt' derzeit zu medienlastig ist. Dem wurde gegenübergestellt, daß bei schätzungsweise jährlich 600.000 Gewaltopfern in der Schule Grund genug besteht, um hier präventiv entgegenzuwirken.
Positiv haben sich die Bundesländer über die Handreichung für Lehrer "Über spielerische Zweikampfformen zum Ringen im Schulsport" geäußert und auch die Rückmeldungen über die Zitatensammlung "Auswirkung von Ringen auf die Entwicklung junger Menschen" beweisen, daß die erstellten Dokumentationen hilfreich sind, wenn es darum geht, die Notwendigkeit und Vorteile von Ringen im Schulsport darzustellen.
Insgesamt zeichnet sich ab, daß viele Bundesländer in ihre Lehrpläne das Thema Ringen/Kämpfen aufgenommen haben. Bei den Schulbehörden die Einsicht gestiegen, daß in einem modernen Schulsportunterricht Ringen ein fester Bestandteil sein muß. Ein generelles Problem ist die so gut wie nicht vorhandene Fachkenntnis von Lehrkräften auf diesem Gebiet in allen Bundesländern. Das wiederum ist in engen Zusammenhang zu bringen mit fehlendem 'know how' an den Universitäten sowie Lehreraus- und Fortbildungsstätten.
Auch innerhalb der Ringer-Verbände ist entsprechende pädagogische Kompetenz für Ausbildungen von Ringen im Schulsport leider sehr personenabhängig und daher nur punktuell in einigen Landesverbänden vorhanden.
München, 4. 3. 2001 / Josef-Karl Neudorfer